Der Stoffwechsel spinnt

Kann Hypoxietraining den Stoffwechsel verändern?

Was mich die Geschichte meiner Schwiegermutter Hilde über Prädiabetes, Höhenmedizin und den richtigen Trainingsreiz gelehrt hat.

Harry Mutschler
Harry Mutschler Dipl. Sportwissenschaftler · Gründer & Geschäftsführer von Altitude Balance
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„Eigentlich wollte ich nur wieder mehr Energie haben."

Mit diesem Satz begann eine Entwicklung, die meine Sicht auf den menschlichen Stoffwechsel nachhaltig verändert hat. Zehn Wochen später hatte meine Schwiegermutter Hilde sieben Kilogramm abgenommen. Doch das war für sie gar nicht das Wichtigste.

Viel wichtiger war, dass sie wieder in ihren Garten ging. Sich wieder mit Freundinnen traf. Nach der Arbeit nicht mehr erschöpft auf dem Sofa landete.

Das Wichtigste in Kürze
  • Erhöhte Blutzuckerwerte müssen nicht das Ende der Geschichte sein.
  • In großer Höhe verändert sich der Energiestoffwechsel — der Körper greift verstärkt auf den Fettstoffwechsel zurück.
  • Dahinter steckt ein biologischer Schalter: HIF-1α, 2019 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet.
  • Nicht die Methode entscheidet über den Erfolg, sondern der richtige Trainingsreiz.
  • Gesundheit beginnt selten mit einer radikalen Veränderung, sondern mit einem kleinen ersten Schritt.

Als plötzlich die Lebensfreude verschwand

Hilde
Hilde. Ihre Geschichte hat mir mehr über Gesundheit beigebracht als so manche Studie.

Vor einigen Jahren verlor Hilde ihren Mann. Er starb mit gerade einmal 60 Jahren an Krebs. Wer einen geliebten Menschen verliert, verliert oft weit mehr als einen Partner — mit der Zeit verschwinden häufig auch Energie, Motivation und Lebensfreude.

Von außen schien zunächst alles normal. Sie ging weiterhin jeden Tag zur Arbeit. Sie funktionierte. Doch innerlich hatte sich vieles verändert.

Früher verbrachte sie jede freie Minute in ihrem Garten. Nach dem Tod ihres Mannes blieb die Gartenschere immer häufiger liegen. Nach Feierabend setzte sie sich meist nur noch auf das Sofa — nicht, weil sie faul geworden war, sondern weil ihr schlicht die Energie fehlte.

Hinzu kamen Gelenkbeschwerden. An Sport war in dieser Situation gar nicht zu denken. Nicht weil Bewegung nicht wichtig gewesen wäre, sondern weil ihr Körper und ihre mentale Verfassung dafür noch nicht bereit waren.

Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Man ist nicht wirklich krank. Aber man fühlt sich auch nicht gesund. Man funktioniert — doch die Leichtigkeit ist verloren gegangen.

Erhöhte Blutzuckerwerte wurden zum Weckruf

Bei einer Routineuntersuchung stellte ihr Arzt erhöhte Blutzuckerwerte fest. Sie lagen bereits in einem Bereich, der auf einen Prädiabetes hindeutete — die Vorstufe eines Typ-2-Diabetes.

Für viele Menschen ist das zunächst nur ein Laborwert. Für mich als Sportwissenschaftler war es ein Warnsignal. Nicht weil Prädiabetes zwangsläufig zu Typ-2-Diabetes führt, sondern weil unser Stoffwechsel oft schon Jahre vorher beginnt, aus dem Gleichgewicht zu geraten:

  • Der Zuckerstoffwechsel funktioniert nicht mehr optimal.
  • Die Insulinsensitivität nimmt ab.
  • Der Körper verliert seine metabolische Flexibilität — also die Fähigkeit, je nach Bedarf zwischen Zucker- und Fettverbrennung zu wechseln.

Ich stellte mir damals nur eine einzige Frage: Wie können wir Hilde helfen, ohne sie zu überfordern?

Menschen verändern ihr Leben selten, weil sie müssen. Sie verändern es, weil sie plötzlich wieder die Energie dazu haben.

Kleine Schritte statt großer Vorsätze

Wir suchten nach einem Einstieg, der zu ihrer Lebensrealität passte. Nicht nach einer kurzfristigen Lösung, sondern nach einem ersten Impuls, den sie dauerhaft in ihren Alltag integrieren konnte. Deshalb vereinbarten wir nur zwei Veränderungen:

  • Abends reduzierte sie größere Mengen Kohlenhydrate.
  • Ich entwickelte für sie ein individuelles IHT-Programm (Intervall-Hypoxie-Training).

Vielleicht überrascht dich das. Viele verbinden Hypoxietraining heute automatisch mit IHHT (Intervall-Hypoxie-Hyperoxie-Training). Für Hilde entschied ich mich jedoch ganz bewusst für ein angepasstes IHT-Konzept.

Wir begannen mit klassischen Hypoxieintervallen. Woche für Woche verlängerten wir die Hypoxiephasen — immer angepasst an ihre Reaktion — bis Hilde schließlich nahezu eine Stunde kontrolliert Höhenluft atmete.

Nicht weil IHT grundsätzlich besser wäre als IHHT. Sondern weil jede Trainingsform einen anderen physiologischen Reiz setzt und jeder Mensch anders reagiert. Deshalb beginnt bei uns kein Konzept mit der Frage „Welches Gerät passt?", sondern mit einer viel wichtigeren: „Welcher Trainingsreiz bringt diesen Menschen seinem Ziel am nächsten?"


Das Überraschende war nicht die Waage

Schon nach wenigen Wochen fiel uns etwas auf — nicht ihr Gewicht, nicht ihre Blutwerte, sondern Hilde selbst. Sie ging wieder hinaus, arbeitete wieder in ihrem Garten, traf sich mit Freundinnen, lachte häufiger, schmiedete wieder Pläne. Sie hatte wieder Energie.

Auch die Gelenkbeschwerden wurden deutlich weniger. Ob das an der Gewichtsabnahme, der wiedergewonnenen Aktivität oder anderen Anpassungsprozessen lag, lässt sich nicht sicher sagen. Für Hilde spielte das keine Rolle — sie konnte sich wieder leichter bewegen, und genau das gab ihr noch mehr Motivation.

Nach rund zehn Wochen hatte sie sieben Kilogramm abgenommen. Bei der nächsten Kontrolluntersuchung stellte ihr Arzt fest, dass sich ihre Stoffwechselwerte deutlich verbessert hatten — auch die zuvor erhöhten Blutzuckerwerte lagen wieder im Normalbereich.

Natürlich wäre es unseriös zu behaupten, dass allein das Hypoxietraining dafür verantwortlich war. Wahrscheinlich war es das Zusammenspiel: der individuell gesetzte Hypoxiereiz, die kleine Ernährungsumstellung, mehr Bewegung, mehr Motivation, mehr Lebensfreude.

Energie verändert Verhalten. Und Verhalten verändert oft ein ganzes Leben.

War das wirklich Zufall?

Diese Frage ließ mich nicht mehr los. Auf der Suche nach Antworten stieß ich vor vielen Jahren auf einen Artikel der Schweizer Bergjournalistin Natascha Knecht. Schon die Überschrift blieb mir im Gedächtnis:

„Der Stoffwechsel spinnt."
Bergsteiger auf einem Grat in großer Höhe
Expeditionen in großer Höhe lieferten die ersten Hinweise auf einen veränderten Energiestoffwechsel.

Eigentlich erwarten wir, dass unser Körper unter Sauerstoffmangel möglichst sparsam arbeitet. Doch genau das beobachteten die Forscher nicht.

Während einer Expedition Schweizer Höhenmediziner auf den Muztagh Ata (7.546 m) und den Pik Lenin (7.134 m) wurden Bergsteiger regelmäßig untersucht. Dabei machten sie eine faszinierende Beobachtung: Mit zunehmender Höhe veränderte sich der Energiestoffwechsel — der Körper schien verstärkt auf den Fettstoffwechsel zurückzugreifen.

Für mich war das ein Schlüsselmoment. Nicht weil jetzt jeder einen Viertausender besteigen sollte, sondern weil sich eine viel spannendere Frage stellte: Kann man diese natürlichen Anpassungsmechanismen auch kontrolliert nutzen — ohne jemals einen Berg zu besteigen?


Eigentlich spinnt unser Stoffwechsel gar nicht

Je länger ich mich mit Höhenphysiologie beschäftigte, desto klarer wurde mir: Unser Stoffwechsel spinnt überhaupt nicht. Er macht genau das, was er seit Millionen Jahren gelernt hat — er passt sich an.

Trainierst du deine Muskulatur, baut sie sich auf. Trainierst du deine Ausdauer, verbessert sich dein Herz-Kreislauf-System. Kälte löst andere Anpassungsprozesse aus. Und sinkt der Sauerstoffgehalt, aktiviert unser Organismus ein hochkomplexes biologisches Programm.

Heute wissen wir, dass dabei unter anderem ein biologischer Schalter aktiviert wird, den Wissenschaftler HIF-1α (Hypoxia Inducible Factor 1-alpha) nennen. Er beeinflusst den Energie-, Zucker- und Fettstoffwechsel, die Funktion unserer Mitochondrien sowie die Bildung neuer Blutgefäße. Für die Entdeckung dieser Mechanismen wurde 2019 der Nobelpreis für Medizin verliehen.

Wir tun dem Körper nichts Unnatürliches an. Wir setzen einen Reiz, auf den er evolutionär vorbereitet ist.

Von den Bergen in unsere tägliche Arbeit

Prof. Dr. med. Hermann Buhl

Prof. Dr. med. Hermann Buhl (†) Langjähriger medizinischer Direktor von Altitude Balance. Sein Leitsatz prägt unsere Arbeit bis heute.

Genau diese Fragestellung beschäftigte auch Hermann Buhl. Er war für mich weit mehr als ein Mediziner — er war Mentor, Sparringspartner und einer der Menschen, die meine Sicht auf das Hypoxietraining nachhaltig geprägt haben.

Er gehörte zu den wenigen Wissenschaftlern, die Forschung nie nur im Labor verstanden haben. Er wollte immer wissen: Was bedeuten diese Erkenntnisse für den Menschen im Alltag?

„Der Körper reagiert nicht auf Höhe. Er reagiert auf den Reiz."

— Prof. Dr. med. Hermann Buhl

Damals fand ich diesen Satz spannend. Heute begleitet er mich bei jedem Trainingskonzept. Denn genau darin liegt der größte Denkfehler vieler Diskussionen über Hypoxietraining: Es geht nicht darum, möglichst hoch zu trainieren. Es geht nicht darum, möglichst lange Höhenluft zu atmen. Und es geht auch nicht darum, ob IHT oder IHHT grundsätzlich besser ist.

In den folgenden Jahren begleiteten wir tausende Menschen mit ganz unterschiedlichen Zielen: Olympiasieger, Freizeitsportler, Patienten, Unternehmer, Menschen mit Übergewicht oder Prädiabetes. Dabei fiel uns immer wieder etwas auf: Ab einer simulierten Höhe von ungefähr 4.000 Metern schien sich bei vielen Anwendern der Stoffwechsel deutlich zu verändern.


Was die Wissenschaft heute erklärt

Viele unserer praktischen Beobachtungen lassen sich heute immer besser wissenschaftlich erklären.

  • Charité Berlin & Franz-Volhard Clinical Research Center: Gemeinsam untersuchten wir, wie sich moderates Training unter normobarer Hypoxie auf Menschen mit Übergewicht auswirkt. Die Ergebnisse zeigten Verbesserungen der Körperzusammensetzung und metabolischer Risikofaktoren — trotz geringerer mechanischer Belastung.
  • Prof. Dr. Thomas Küpper: Einer der renommiertesten Höhenmediziner im deutschsprachigen Raum lieferte wichtige Erkenntnisse dazu, wie Sauerstoffmangel den Energiestoffwechsel beeinflusst.
  • Prof. Dr. Florian Lippl (Zugspitze): Teilnehmer verloren trotz nahezu unveränderter körperlicher Aktivität an Gewicht. Gleichzeitig veränderten sich Grundumsatz und Appetitverhalten.

Heute beschäftigen sich Forschungsgruppen weltweit mit den Auswirkungen kontrollierter Hypoxie auf Zuckerstoffwechsel, Insulinsensitivität, Prädiabetes und Typ-2-Diabetes. Gerade für Menschen, die wie Hilde zunächst noch nicht belastbar sind, eröffnet dieser Ansatz spannende Möglichkeiten.


Fazit

Wenn ich heute auf Hildes Geschichte zurückblicke, sehe ich sie mit anderen Augen. Damals wollte ich einfach nur meiner Schwiegermutter helfen. Heute weiß ich, dass sie mir geholfen hat, meine eigene Philosophie weiterzuentwickeln. Drei Dinge nehme ich mit:

  • Gesundheit beginnt selten auf der Waage — sondern in dem Moment, in dem wir wieder Energie haben.
  • Kontrollierte Hypoxie kann komplexe Anpassungsprozesse im Energie-, Fett- und Zuckerstoffwechsel anstoßen.
  • Entscheidend ist nicht die Methode, sondern der passende Reiz — zur richtigen Zeit, für den richtigen Menschen.
Nicht die Methode entscheidet über den Erfolg. Der richtige Trainingsreiz entscheidet.

Dieser Artikel ist dem Andenken an Prof. Dr. med. Hermann Buhl gewidmet. Er hat mich gelehrt, wissenschaftliche Erkenntnisse nie isoliert zu betrachten, sondern immer den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.

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Harry Mutschler
Harry Mutschler

Dipl. Sportwissenschaftler · Gründer & Geschäftsführer von Altitude Balance

Seit über 20 Jahren beschäftigt mich eine einzige Frage: Wie reagiert der menschliche Körper auf den richtigen Hypoxiereiz? In dieser Zeit durfte ich tausende Menschen begleiten — vom gesundheitsbewussten Einsteiger bis zum Olympiasieger — und arbeite bis heute mit Universitäten, Kliniken und Forschungseinrichtungen zusammen.

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